LNU Leverkusen

Heimische „Riesenkäfer“ in Leichlingen-Balken und Neuenkamp

 

„Maikäfer, Nashornkäfer oder Hirschkäfer hab ich noch nie gesehen. Wo fliegen die denn überhaupt noch?“ So lautet oft die Frage, wenn man mit Naturfreunden z. B. auf den Exkursionen von LNU oder NABU unterwegs ist. Doch die tendenziöse Andeutung der Frage, dass es diese Käfer ja schon gar nicht mehr bei uns gäbe, ist falsch – vielmehr muss man wissen, wo und wann es sich lohnt, nach diesen Riesen der heimischen Insektenwelt Ausschau zu halten. Im Herbst 2012 bin ich nach Leichlingen-Balken gezogen, weil mir die ländliche Lage und die Nähe zu wunderschönen, artenreichen Naturschutzgebieten so sehr gefiel. Bei einem Gespräch mit Frau Wicze Braun und Frau Beate Losacker von der bekannten Kulturstätte SinnesWald deuteten beide, als die Rede von meiner Leidenschaft für Insekten zur Sprache kam, an, dass Sie schon Hirschkäfer hier am Murbach gefunden hätten und auch ein Fotobeweis vorläge.


Seit meiner Kindheit kenne ich das Gebiet und seit meiner Jugend und dem Beitritt zur LNU Ortsgruppe Leverkusen helfe ich bei Pflegemaßnahmen mit, die das Ziel haben den Artenreichtum der Neuenkamper Orchideenwiese zu erhalten. Feldmaikäfer (Melolontha melolontha Linnaeus, 1758) hatte ich auch schon hier mehrfach gefunden, Hirsch- und Nashornkäfer jedoch noch nie. Umso schöner ist es, dass die Beobachtungen der Nachbarschaft nun bestätigt werden konnten. Leichlingen-Balken und die nahe Umgebung ist die Heimat einer Hirschkäferpopulation (Lucanus cervus Linnaeus, 1758) und zudem konnte der Nashornkäfer (Oryctes nasicornis Linnaeus, 1758) nachgewiesen werden. Der 1. Juli 2013 war ein warmer Sommertag und auch der Abend blieb mild. Gegen 21.30 Uhr sah ich im Augenwinkel, dass ein sehr großes Insekt gerade im Garten herumfliegt. Als ich das Tier, das im Garten suchend hin- und her flog näher in Augenschein nahm, war sofort klar, dass es sich nur um ein Hirschkäfer-Männchen handeln konnte. In meinem und im Nachbargarten stehen Stieleichen, vor dem Haus direkt einige Traubeneichen am Waldrand – Baumarten, auf die Hirschkäfer angewiesen sind, weil erwachsene Hirschkäfer austretende Baumsäfte von Eichen auflecken (ihre bevorzugte Nahrung als Erwachsene) und die Larven, die Engerlinge, bevorzugt in morschem Eichenholz leben und sich davon ernähren. Der Käfer drehte ab und umflog das Haus in Richtung einer großen Stieleiche im Vorgarten des Nachbarn. Dort schwärmte mindestens ein weiteres Männchen. Glücklicherweise konnten Fotos von einem Männchen gemacht werden, dass sich auf einem niedrigen Baum in meinem Vorgarten niedergelassen hatte. Bei einer kleinen Erkundung in Richtung Waldrand konnten gegen den noch hellen Abendhimmel weitere Großkäfer beobachtet werden. Drei Tage später konnte wieder ein Hirschkäfer-Männchen gefunden werden und ganz überraschend flog noch ein Nashornkäfer-Weibchen in den Garten. Sensationelle Funde für diese Gegend!



Namensgebend (im deutschen wie wissenschaftlichen Artnamen) für den Hirschkäfer Lucanus cervus sind die stark vergrößerten Mandibeln der Männchen, die an das Geweih eines Hirschs erinnern. Zur Nahrungsaufnahme taugen diese riesenhaften Mundwerkzeuge aber nicht mehr, sie dienen einem anderen hochspezialisiertem Zweck: Dem Kampf mit Rivalen. Die Weibchen versammeln sich um Baumwunden aus denen Baumsäfte austreten, von denen sie sich ernähren. Mit ihren normal ausgebildeten Mandibeln können sie diese Futterplätze auch vergrößern. Von dieser Nahrungsquelle und durch ein von den Weibchen abgegebenes Pheromon (flüchtiger Sexuallockstoff) werden die Männchen angezogen. Dort finden auch die „Kämpfe“ der Männchen statt, bei denen sie Kontrahenten versuchen, sich gegenseitig so mit den riesigen Mandibeln zu packen, dass sie den Gegner vom Baum hebeln oder werfen können. Nur die stärksten und geschicktesten Männchen setzen sich durch, was in der Regel jene von stattlicher Größe und vor allem auch von erheblicher Größe der Mandibeln – des Geweihs – sind. So kommt es zur Selektion auf Körpergröße und Geweih. Die Weibchen legen nach der Paarung ihre Eier in morsches Totholz – bevorzugt aber nicht ausschließlich – Eichen ab. Die Larven benötigen 3 – 5 Jahre für ihre Entwicklung.

Der Nashornkäfer Oryctes nasicornis ist ein echter Kulturfolger und in den letzten Jahren häufen sich erfreulicherweise die Sichtungen. Er bevorzugt Rindenmulch-, Kompost- oder Misthaufen z. B. von Pferdemist und wird daher häufig im menschlichen Umfeld gefunden, wenn auch seine Lebensweise sehr zurückgezogen ist. Er schwärmt nur in warmen Sommernächten und meistens werden der Käfer oder seine Engerlinge beim Umsetzen von Komposthaufen entdeckt.  

Weitere erwähnenswerte Großkäfer für das Gebiet um Leichlingen-Balken sind die Maikäfer, aber auch einige Bockkäfer wie der Moschusbock Aromia moschata Linnaeus, 1758 und der Sägebock Prionus coriarius Linnaeus, 1758.

Die Nachweise der erwähnten Großkäfer wie Hirschkäfer, große Vorkommen des Kleinen Leuchtkäfers, Amphibien wie der Feuersalamander, eine artenreiche Vogelfauna (u. a. mit Goldammer), Fledermäuse, Dachse und natürlich die Vegetation mit zahlreichen besonderen Arten  unterstreichen die große Bedeutung des NSG Balker Feld (das mit Beratung durch die LNU Ortsgruppe Leverkusen gepflegt wird), des NSG Wupperhang mit Henkensiepen und Hüscheider Bachtal (mit der vom LNU gepflegten Orchideenwiese Neuenkamp) und des Murbachtal von Leichlingen Balken bis Diepental als wertvolle Lebensräume.

 

Dr. Sascha Eilmus, 2013


Nachtrag: Auch 2014 konnten viele Hirschkäfer beobachtet werden. Zudem fand eine Exkursion für Naturbegeisterte statt, bei der ebenfalls Hirschkäfer gezeigt werden konnen. Auch dieses Jahr lade ich wieder zu einer Hirschkäferexkursion ein.



Dr. Sascha Eilmus, 2015